Charlie Chaplin und Adolf Hitler

Hollywood-Legende verhöhnte den Führer in Der Große Diktator

07.04.2008 Mario Thurnes

Charlie Chaplin rechnete in „Der Große Diktator" mit Adolf Hitler ab. Mit dem Film riskierte er sein Vermögen und machte sich in den USA nicht nur Freunde.

„Der Große Diktator“ erfüllt die wichtigste Aufgabe einer Komödie: Er ist lustig. Herrliche Dialoge sind zu hören wie: „Sie sind das, ich dachte sie wären Arier.“ „Bin ich auch, ich bin Veget-Arier.“ Filmische Kniffe greifen, wenn etwa der Diktator die Treppe herunter fällt und eine Stimme aus dem Off moderiert: „Der Führer schreitet die Stufen hinunter."

Und der Film bietet besten Slapstick, zum Beispiel wenn einem Soldaten eine scharf gemachte Handgranate ins Hosenbein rutscht. Die Szene spielt Charlie Chaplin. „Der Große Diktator“ war sein erster Tonfilm, aber auf solche nonverbale Elemente wollte der größte Star des Stummfilms nicht verzichten. Die Idee für den Film stammte von Chaplin selber, ebenso das Drehbuch und auch das Geld für die Produktion. Später führte er schließlich auch Regie und spielte beide Hauptrollen.

Machtposen durchschaut

Die Anfänge des Films liegen um das Jahr 1938. Zu der Zeit gewann der wahre Adolf Hitler Österreich und die Tschechoslowakei durch Siege am Verhandlungstisch. Chaplin verfolgte die Karriere des Führers in internationalen Wochenschauen, die er sich in einem Kino in Los Angeles ansah. Er erkannte die Gefahr, die von dem Machtmenschen ausging. Und der Stummfilm-Star durchschaute das Lächerliche an Hitlers Gebaren und Machtposen.

Das Projekt war 1938 allerdings äußerst umstritten. Die Hollywood-Produzenten machten gute Geschäfte mit dem Dritten Reich und wollten diesen Kunden nicht durch kritische Filme verschrecken. Auch die Zensurbehörde meldete Zweifel an. Damals stand lange noch nicht fest, ob die USA sich in einen Krieg einmischen würden – und an welcher Seite. Es soll Präsident Roosevelt persönlich gewesen sein, der Chaplin Mut zusprach. Das berichtete Chaplins Bruder Sydney in einer Dokumentation.

Langwieriger Dreh

Chaplin brauchte lange für das Projekt. Er galt als schwieriger Perfektionist, der eine Szene notfalls 50 Mal drehte, bis sie im Kasten war. Auch schrieb er ein Drehbuch schon mal mitten in einer Produktion um. Am 1. September 1939 brach dann der Zweite Weltkrieg aus und Chaplin beeilte sich jetzt, das Werk ins Kino zu bringen, was Anfang 1940 schließlich gelang.

Die Handlung: Ein jüdischer Friseur (Chaplin) verliert im Ersten Weltkrieg sein Gedächtnis und erwacht erst wieder, als das Reich von Adenoid Hynkel (auch Chaplin) installiert ist. Der Friseur wird zum Verfolgten, flieht und wird schließlich beim Einmarsch in Osterlitsch mit dem Diktator verwechselt. Als solcher hält er eine bewegende Rede, in der er für Frieden und Menschlichkeit spricht.

Berühmte Szene mit der Erdkugel

Chaplin kannte den Diktator aus der Wochenschau. Was er dort sah, parodierte er aufs beste. Die Szene, in der der Führer mit der Weltkugel spielt, bis sie zerplatzt, gehört zu den berühmtesten des Kinos überhaupt. Auch Hitlers Art, Reden zu halten, hat Chaplin auf beängstigend präzise Weise dargestellt.

Manche Dinge wusste Chaplin aber nicht – oder konnte sie nicht wissen. So gibt es eine Szene, die in einem Konzentrationslager spielt. Sie ist derart verharmlosend, dass es heute schmerzhaft ist, sie zu sehen. Zur Verteidigung: Den Alltag, den Deutsche Juden im Ghetto aufzwangen, und den Terror gegen Juden kritisiert Chaplin in dem Film scharf. Der Holocaust war 1940 in seinem vollen Umfang noch nicht beschlossen. Chaplin sagte später: „Wären mir die Ausmaße des Judenmords damals schon bekannt gewesen, hätte ich den Großen Diktator nie gedreht.“

Hitler hat den Film bestellt

Der Film wurde Chaplins großer Erfolg, nicht nur kommerziell. Größen des Films wie Francois Truffaut oder Billy Wilder verneigten sich vor der Leistung. In Deutschland, seinen Freundesstaaten und eroberten Gebieten war der Film verboten. Widerstandsgruppen organisierten unter Lebensgefahr Aufführungen. Als die Alliierten Hitlers Residenz auf dem Obersalzberg eroberten, fanden sie eine Liste von Filmen, die dieser sich hat kommen lassen: „Der Große Diktator" war zweimal drunter.“

Sendetermin: Der SWR zeigt „Der Große Diktator“ am Mittwoch, 16. April 2008, 23 Uhr.

Der Artikel Charlie Chaplin und Adolf Hitler in Filmklassiker & Stummfilme unterliegt dem Urheberrecht. Jegliche Verwendung dieses Textes, auch auszugsweise, erfordert die vorherige schriftliche Erlaubnis des Autors. Autor des Artikels Charlie Chaplin und Adolf Hitler ist Mario Thurnes.
;