"Der blaue Engel" wird ein WelterfolgMarlene Dietrich taucht auf und entschwindet
An der Seite von Emil Jannings wird eine nahezu unbekannte Schauspielerin zum Sexsymbol
Vom Tonfilm hält man bei der UFA zunächst nichts. Während 1927 die amerikanische Produktionsfirma Warner Brothers den ersten abendfüllenden Streifen mit gesprochenen Dialogen (The Jazz Singer) in die Kinos bringt, bleibt die deutsche Konkurrenz reserviert. Man wolle sich "mit dem sprechenden Film nicht weiter beschäftigen", lautet ein offizieller Beschluss des UFA-Vorstands vom April des gleichen Jahres. Emil Jannings, ein Star kehrt heimAber bald muss der Berliner Konzern der Entwicklung hinterherlaufen. Die ersten Streifen werden produziert und man gewinnt Erfahrung mit der neuen Technik. Doch im Jahr 1929 entscheidet man: ein wirklicher Welterfolg soll her. Es darf auch ruhig etwas kosten. Wer der Star des geplanten Films werden soll, ist klar. Emil Jannings war eben aus den USA heimgekehrt, wo er für die Paramount gefilmt und 1929 den ersten Oscar der Filmgeschichte gewonnen hatte. Gefunden werden müssen nur noch Stoff, Drehbuch, Regisseur und die restlichen Darsteller. Josef von Sternberg übernimmt bei "Der blaue Engel" die RegieErich Pommer ist der Mann, der sich um diese Kleinigkeiten kümmern soll. Er ist ein Kinomann der ersten Stunde und als Produzent der UFA Garant für Qualität. Schnell einigt er sich mit Jannings auf Josef von Sternberg als Regisseur. Der hatte mit dem deutschen Star bereits "Sein letzter Befehl“ gedreht, der Jannings den Oscar einbrachte. Heinrich Mann und Alfred Hugenberg - ein pikantes GespannSchwieriger ist die Wahl des Stoffs. Sie fällt schließlich überraschend auf den Roman "Professor Unrat“ von Heinrich Mann. Überraschend deshalb, weil der Autor überhaupt nicht zur politischen Ausrichtung der UFA passt. Der Filmkonzern war 1927 von dem Medienmogul Alfred Hugenberg übernommen worden. Der sitzt zwar für die Deutschnationale Volkspartei im Reichstag, ein Demokrat ist er aber beileibe nicht. Ganz im Gegensatz zu Heinrich Mann, dem Bruder des gerade mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Dichterfürsten Thomas Mann. Pommer nutzt den Freiraum, den die UFA noch besitzt, und engagiert den ebenfalls als linksliberal verdächtigen Carl Zuckmayer, um den Stoff zu adaptieren. Auch der Komponist Friedrich Hollaender, der für die Filmmusik verantwortlich zeichnet, liegt alles andere als auf der Linie der Hugenberg-Presse. Die Handlung des Films "Der blaue Engel" mit Marlene DietrichDie Drehbuchautoren nehmen sich einige Freiheiten bei der Bearbeitung des Romans. Geändert wird auch der Titel: aus "Professor Unrat" wird "Der blaue Engel". Die ätzende Satire auf das (wilhelminische) Bürgertum wird weitgehend zugunsten der persönlichen Tragik des Protagonisten aufgegeben. Der Autor segnet diese Eingriffe jedoch ab. Was von der Handlung übrig bleibt ist Folgendes: Am Gymnasium eines Kleinstädtchens herrscht Grabenkrieg zwischen dem Gymnasial-Professor Dr. Rath, von seinen Schülern "Unrat" genannt, und seiner Oberstufen-Klasse. Als er "Kunstpostkarten“ mit dem Bild einer leicht bekleideten Frau in seiner Klasse konfisziert, erfährt er, wie einige seiner Pennäler ihre Freizeit verbringen. Sie besuchen die einzige Attraktion des Ortes, das anrüchige Lokal "Der blaue Engel". Rath will die Sünder in flagranti stellen und begibt sich selbst in das Etablissement. Dort gastiert eine Tingeltangel-Truppe, deren Zuschauermagnet die Sängerin Lola-Lola ist. Statt die Delinquenten dingfest machen zu können, erliegt der linkische Pädagoge selbst den Verlockungen der seiner Existenz so entgegengesetzten Welt und natürlich den Reizen Lola-Lolas. Er hält um die Hand der Schönen an. Sie nimmt den Antrag an, teils belustigt, teils geschmeichelt. Mit dem gesellschaftlichen Aufstieg der Diseuse wird es allerdings nichts. Ganz im Gegenteil. Die Gesellschaft verzeiht dem Professor die Messalliance nicht. Er verliert seine Stellung und muss sich von seiner Frau, deren "Kunstpostkarten" er in den Lokalen feilbietet, aushalten lassen. Als die Truppe auf ihrer Tournee wieder in den "Blauen Engel“ zurückkehrt, wird er gezwungen, sich auf der Bühne lächerlich zu machen. Gleichzeitig bekommt er mit, wie Lola-Lola mit einem Kollegen anbändelt. Rath kann die Demütigung nicht ertragen und erleidet einen Zusammenbruch. Er schleppt sich aus dem Lokal in sein altes Gymnasium und stirbt dort, ans Lehrerpult geklammert, an – unmedizinisch ausgedrückt – gebrochenem Herzen. Wer ist Marlene Dietrich?Das Premierenpublikum am 1. April 1930 ist begeistert. Die Ausgaben der UFA haben sich offenbar gelohnt. Nicht nur die Traumgage von 200.000 Reichsmark für Jannings scheint gerechtfertigt, auch dass man bei den Nebenrollen nicht gespart hat. Kurt Gerron ist dem Publikum aus nicht weniger als 60 Stummfilmen bekannt und Hans Albers wird gerade zum neuen Star aufgebaut. Sie schlagen sich im neuen Metier Tonfilm gut. Und Jannings agiert, wie ihn die Kinobesucher kennen: mit großer Geste, von allem ein bisschen zu viel. Aber das fällt dem zeitgenössischen Publikum nicht auf – das ist der gewohnte Stummfilmstil, eben Kintopp. Aber die Hauptdarstellerin fällt auf. Wie sie von der Leber weg berlinert und ihre frechen Chansons trällert ("Nimm dich in Acht vor blonden Frau’n“, "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“), begeistert. Obwohl nicht mehr ganz jung, immerhin schon 28 Jahre alt, ist sie eine Neuentdeckung. Wer sie wirklich entdeckt hat, ist nicht ganz klar. Im Nachhinein wollen es viele gewesen sein. Trotz einiger Stummfilme, die die Dietrich später immer leugnen wird, ist sie für das breite Publikum ein unbeschriebenes Blatt. Deshalb hat man sie für ein Zehntel der Gage von Jannings für die Rolle der Lola-Lola bekommen. Aber man hält sie nicht. Die UFA lässt die Option, sich Marlene Dietrich für weitere Filme zu sichern, verstreichen. So besteigt der neue Star den Dampfer nach den USA und folgt einem Angebot Sternbergs. "Der blaue Engel" bleibt Marlene Dietrichs letzter deutscher Spielfilm. Nach 1933 zieht sie nichts nach Nazi-Deutschland zurück und sie nimmt 1939 die amerikanische Staatsbürgerschaft an. In ihrer neuen Heimat wird sie zum Markenzeichen für kühlen Sexappeal. Quasi die Fortschreibung der Rolle der Lola-Lola.
Der Artikel "Der blaue Engel" wird ein Welterfolg in Filmklassiker & Stummfilme unterliegt dem Urheberrecht. Jegliche Verwendung dieses Textes, auch auszugsweise, erfordert die vorherige schriftliche Erlaubnis des Autors. Autor des Artikels "Der blaue Engel" wird ein Welterfolg ist Rudolf Fehrle.
Ähnliche Artikel
Ähnliche Themen
Schlagworte
Mehr in Film & TV
|