"Die Drei von der Tankstelle" - Ein Film-Musical

Drei Männer und eine junge Frau tanzen über die Wirtschaftskrise weg

03.03.2009 Rudolf Fehrle

Als 1995 in einer Umfrage unter Filmexperten die besten 100 deutschen Filme gesucht werden, gehört auch das Musical "Die Drei von der Tankstelle" dazu.

Die Besetzung des Liebespaars war klar. Erich Pommer, Produktionschef der Ufa, verpflichtet Willy Fritsch, der als Liebhaber schon seit zehn Jahren in Stummfilmen seinen Partnerinnen wie dem weiblichen Kinopublikum die Köpfe verdrehte.

Vor allem aber sollte der weibliche Star die Kassen klingeln lassen. Lilian Harvey, gebürtige Engländerin mit deutschem Pass, hatte bereits in mehr als einem Dutzend Stummfilmen mitgewirkt. 1926 spielte sie erstmals in einem Film mit dem schönen Titel "Die keusche Susanne" an der Seite von Fritsch. Das zierliche Energiebündel ist die passende Ergänzung zum groß gewachsenen Fritsch, dem Mann mit dem charmantesten Lächeln des deutschen Films.

Das süßeste Mädel der Welt

Ihr erster gemeinsamer Tonfilm war gerade ein Kassenschlager in den Kinos gewesen: "Liebeswalzer". Die Handlung ist reichlich hanebüchen, aber die Kombination Harvey und Fritsch sowie die Musik von Werner Richard Heymann macht den Streifen überaus erfolgreich. Der Filmschlager "Du bist das süßeste Mädel der Welt" wird zum Gassenhauer und das Attribut des "süßesten Mädels der Welt" haftet fortan an der quirligen Lilian Harvey.

Die Operette als Film

An diesem Erfolgsrezept will Pommer festhalten. Neben Fritsch, Harvey und Heymann wird auch der Regisseur von "Liebeswalzer", Wilhelm Thiele, 1930 für das neue Projekt "Die Drei von der Tankstelle" engagiert. Wieder soll es ein Operettenfilm werden, denn Operetten sind beliebt.

Einige Stoffe dieses Genres waren bereits als Stummfilme gelaufen. So merkwürdig es klingt: Operetten ohne Musik kamen beim Publikum an. Große Lichtspieltheater hatten zwar ein Orchester zu bieten, das die Melodien bekannter Operetten intonieren konnte, kleinere mussten sich mit einem Pianisten begnügen oder verzichteten ganz auf Musik. Auf jeden Fall drang aber kein Laut aus den Mündern der agierenden Schauspieler an die Ohren der Kinobesucher. Das bewährte Rezept auf einen Tonfilm übertragen, konnte kaum schief gehen.

Drei Männer und ein Mädchen

Die Handlung ist nicht ganz so wichtig: Drei Freunde, die es sich offenbar leisten können, in der Welt herumzuziehen, kehren nach dreimonatiger Abwesenheit nach Hause zurück und müssen feststellen, dass sie pleite sind. Was ihnen bleibt, ist ihr Auto.

Das bleibt allerdings bald ohne Benzin stehen, eine Tankstelle ist nicht in Sicht. Da entsteht die Geschäftsidee. Das Auto wird verkauft und dafür eine Tankstelle an genau dieser Stelle aufgemacht. Die Drei wechseln sich schichtweise ab, und so begegnet jeder der Teilhaber dem "süßesten Mädel der Welt", das in Gestalt von Lilian Harvey umgehend an der Tankstelle vorfährt.

Die Tankstellenbesitzer verlieben sich natürlich allesamt in das blonde Geschöpf und auch sie, die sich als Tochter eines steinreichen Konsuls entpuppt, möchte möglichst bald mit einem Tankwart den Hafen der Ehe ansteuern.

Nach einigen Komplikationen, in denen vor allem Willy Fritsch sich noch ein wenig gegen das Happy End sträubt, nimmt der Film das erwartete Ende und das Traumpaar findet sich.

Optimismus in Zeiten wirtschaftlicher Depression

Ein Märchen also nach geläufiger Operettenmanier? Nicht ganz! Nicht Prinzessinnen und Leutnants entführen das Publikum in die gute alte Zeit, sondern drei junge Männer, die mit einem Cabrio herumfahren, statt durch die Gegend zu reiten, machen Pleite.

Für die Kinobesucher von 1930 ist das keine allzu weit hergeholte Vorstellung. Es herrscht wirtschaftliche Depression und Millionen gehen stempeln. Die Drei von der Tankstelle ficht der Ruin aber nicht an. Es wird gut gelaunt über die Katastrophe hinweg gesungen und getanzt. Die Inszenierung hat nichts Verstaubtes, es werden keine Nummern herunter gesungen, sondern die Musikeinlagen entwickeln sich organisch aus der temporeich vorangetriebenen Handlung.

Obwohl im Untertitel als Operette bezeichnet ist der Film doch etwas Neues. Die Ufa nimmt mit "Die Drei von der Tankstelle" vorweg, was später im US-Film zum Genre-Begriff werden wird: das Musical.

Das Publikum ist begeistert: der Film unterhält, Fritsch und Harvey zeigen, was von ihnen erwartet wird, und die Musik ist eingängig. "Ein Freund, ein guter Freund" oder "Liebling, mein Herz lässt dich grüßen" pfeifen bald die sprichwörtlichen Spatzen von den Dächern.

Dass das Geschehen auf der Leinwand wenig mit der Lebenssituation des Kinopublikums zu tun hat, wird nicht nur in Kauf genommen, sondern macht einen Großteils des Erfolgs aus: In schwierigen Zeiten hat Illusionskino immer Konjunktur.

Der "dritte Mann"

Noch etwas macht den Film zum Kassenschlager. Das Gespür von Erich Pommer bei der Besetzung des "dritten Manns". Dass Fritsch die Harvey bekommen wird, steht von vornherein außer Frage. Schließlich will man auch für künftige Produktionen "das Traumpaar" lancieren. Wenig subtil, aber umso wirkungsvoller, heißen die Protagonisten in "Die Drei von der Tankstelle" denn auch Lilian und Willy.

Mit Oskar Karlweis verpflichtet Pommer einen Darsteller, der nicht ganz so gut aussieht wie Fritsch und nicht ganz so hinreißend lächelt, aber doch eine so gute Figur macht, dass er als Kandidat für die Konsulstochter Lilian nicht gleich ausscheidet.

Noch offen ist die Besetzung des dritten Tankstellenbesitzers. In Pommers Stab ist irgendwer auf einen jungen Schauspieler aufmerksam geworden. Er ist erst vor kurzem aus München in die Hauptstadt gekommen und hat noch keine wirkliche Filmerfahrung, am Theater aber kommt er ganz gut an.

Der Beginn einer großen Karriere

Pommer lässt den Mann kommen. Er heißt Heinz Rühmann und ist begeisterter Motorradfahrer. Er erscheint bei Pommer in Knickerbockern, die Motorradmütze in der Hand. Der ungewöhnliche Aufzug kommt beim Produktionschef gut an. Schließlich geht es um einen "modernen" Stoff und der Film soll nach Benzin riechen. Die obligatorischen Probeaufnahmen scheinen nur eine Formalität.

Zu denen erscheint Rühmann mit einem Freund – beide in ihren besten Anzügen. Sie spielen ein Stück aus einer französischen Gesellschaftskomödie und geben sich als Dandys. Als Pommer die Aufnahmen sieht, ist er entsetzt – genau das kann er nicht brauchen.

Doch Erich Pommer wäre nicht der legendäre Produzent, hätte er nicht den richtigen Riecher. Er gibt Rühmann eine zweite Chance, er solle so erscheinen wie zur Vorstellung in seinem Büro. Diesmal improvisiert der Nachwuchsschauspieler. Er wird genommen.

Im Film ist er der kleinste der drei Bewerber um die Hand von Lilian Harvey, aber er ist der komischste. Er trägt wieder Knickerbocker und man setzt ihm eine kreisrunde Hornbrille auf. Das Mädel kann er damit nicht erobern, aber er gewinnt die Sympathien des Publikums. Ein kleiner Mann startet mit diesem Film eine große Karriere.

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