Immensee -Künstlernovelle in prächtigem Ambiente

Deutschland 1943, Regie: Veit Harlan

12.08.2009 Gerhard Bachleitner

Veit Harlan hat Th. Storms Novelle passend zum NS-Frauenbild gefühlvoll-melodramatisch und mit dem visuellen Prunk des frühen Agfacolor in Szene gesetzt.

Harlan hat Storms späte und sehr ökonomisch gearbeitete Novelle mit großem Aufwand und einigem Pathos, aber nicht stilfremd in Szene gesetzt; auch die Musik ist zwar üppig, aber nicht süßlich. Die Vorlage liefert keinen abendfüllenden Film, so daß an vielen Stellen Erweiterungen nötig wurden. Ferner wurde die Biographie von der Storm'schen Kindheitsseligkeit in den Ernst des Erwachsenenalters verschoben, weil der Film sonst weitere Darsteller für die Kindheitsphase gebraucht hätte. Ebenfalls filmisch gedacht ist der Ersatz des autornahen Protagonisten, des Dichters Reinhard, durch den Musiker Reinhardt, dessen Arbeit in der Filmhandlung unmittelbar dargestellt werden kann. So beginnt Harlan gleich mit einem dekorativen Konzert, das Reinhardt dirigiert, zeigt ihn später bei der Prüfung der Musikhochschule, und seine Nestflüchtigkeit, in diesem Falle nach Rom, läßt sich sehr leicht mit der Nötigung zu Auslandsstudien begründen. Sinnvoll wird diese Schauplatzverschiebung übrigens in die Leitmotivik des Stoffes eingefügt, denn die Lieder, die Reinhardt für Elisabeth komponiert hat, erhalten nun, in die südliche Atmosphäre übertragen und von einer Italienerin in den antiken Ruinen gesungen, einen neuen Ton. Dieses Erlebnis von Wandel und Metamorphose ist durchaus goethe'sch gedacht, auch wenn man die folgende Darstellung von italienischer Nacht und italienischer Venus heute für etwas bürgerlich-theatralisch halten mag.

Geschlechterverhältnis

Die Psychologie der Geschlechter ist modernisiert und dem Realismus des Kinos angepaßt. Während das Drama des Verzichts bei Storm als Problem männlicher Passivität und Unentschlossenheit entsteht, begründet es Harlan viel realistischer in Agilität und Bindungsunwillen des Mannes sowie dem Beharrungswillen und Nestbauinstinkt der Frau. Die junge Elisabeth gibt sich hier, beim Bad im See, spröde. So zieht sich Reinhardt von vornherein auf die kulturelle Kommunikation zurück, widmet ihr zum Geburtstag 12 Lieder. Später wird eines davon zur Orgel gesungen, und Reinhardts Vater ist Zuhörer; diese Werke lösen sich also schon von ihrem Adressaten ab und beginnen ihr Eigenleben. Das Studium und nachher der Rom-Aufenthalt - in dem Harlan geschickt Religion und Kunstreligion zusammenführt, Bach und Beethoven als das neue Evangelium - entfernen Reinhardt von der Geliebten, so daß Intimität schon deshalb nicht entstehen kann.

Erotik

Der Eros ist bei Storm stark stilisiert. Für die Kinder wird die kryptoerotische Intimität des Erdbeersuchens im Walde wichtig (in Im Walde und erneut in Elisabeth), auf die Harlan aufgrund seiner anderen Gewichte leicht verzichten kann. Das Fremdgehen des erwachsenen Reinhard ist die Begegnung mit einem zigeunerhaften Zithermädchen, deren "schönen, sündhaften Augen" S.31 der Mann verfällt; später, in Elisabeth, bettelt ein Zigeunermädchen mit "verstörten schönen Zügen" S.51, fordert also gewissermaßen den Lohn der sündigen Beziehung ein. Und das sublimatorische Ende wird in zwei vielsagenden Sätzen ausgedrückt: "'Was willst du noch?' fragte Reinhard. [...] 'Ich will nichts mehr'" S.51. Liebe hat sich hier in Indifferenz verwandelt, man könnte auch sagen: ist in die Latenz zurückkehrt, wie ganz ähnlich auch in Stifters Nachsommer. Storm geht es um nicht weniger als die Vergeblichkeit des menschlichen Wollens. Die existenzielle Situation wird umstandslos - im Wortsinne: ohne Ausmalung sozialer Verhältnisse - auf die Individuen abgebildet, die dann archetypisch-märchenhaft wirken.

Im Film braucht es das Märchendekor nicht. Dort ist Reinhardts sexueller Bezug zu anderen Frauen eine natürliche Folge seines anderen Wohnortes. Man könnte geradezu vermuten, daß Reinhardts Liebe zu Elisabeth deshalb unerfüllt bleiben muß, weil die beiden als Kinder einander schon zu nahe waren; Reinhardt mußte in die Welt hinaus, um sich frei zu machen. Elisabeths Liebesschwur vor Reinhardts Abreise (im Film) ist jedoch eine idealistische Forcierung, die nicht zum realistischen Rest paßt. Elisabeth hält den Schwur nämlich nicht, sondern heiratet gutbürgerlich und konventionell Erich, aber Reinhardt setzt dies in den Stand, nach seiner Rückkunft Vorwürfe zu machen, d.h. Forderungen zu erheben. Daß ein Künstler nicht für eine Ehe tauge und ein nach Sicherheit strebendes Mädchen sich deshalb anderweitig entscheidet, wäre eine in sich stimmige Konstellation und ein untragischer Verlauf (vgl. etwa auch Schubert und seine Therese). Harlan malt noch weitere Scheintüren auf, welche die Ausweglosigkeit aus dieser stabilen Lage markieren. Der großzügige Erich gäbe Elisabeth seinem Nebenbuhler, aber sie macht davon keinen Gebrauch, und nach Erichs Tod fühlt sie sich auch nicht frei, dem einstigen Geliebten zu folgen.

Treue und Verzicht

Es ist nicht abwegig, hierin eine Verzichtsideologie des NS-Regimes zu vermuten. Die Frau bleibt am heimischen Herd und ehrt ihren Gatten über den Tod hinaus. Beyer betrachtet es noch etwas vordergründiger und meint, diese Haltung sei für die von ihren Frauen getrennten und ihrer Treue nicht sicheren Soldaten tröstlich gewesen, Seite 231. Freilich sind Pflichtethik und idealistische Gesinnung – man kann auch sagen: die triebrepressive bürgerliche Gesellschaft – schon aus dem 18. und 19. Jahrhundert überkommen und keine Erfindung der Nazis. Das Karussell sich gegenseitig blockierender Verzichte mag in Harlans Film immerhin etwas auffällig wirken. Zunächst verzichtet Reinhardt aus Berufsgründen auf Elisabeth und umgekehrt. Nach Reinhardts Rückkehr würde Erich auf Elisabeth verzichten, aber diese verzichtet ihrerseits auf diese Option. Nach seinem Tode wird der Verzicht erneuert, und Reinhardt verzichtet seinerseits.

Man könnte auch einwenden, Harlan hätte sich mit Elisabeths großem Talent zur Witwe beschäftigen können, das heißt ihre Fixierung an einen als solchen ungeliebten Mann hinterfragen sollen, aber da kann man Harlan durchaus in Schutz nehmen. Er hat Gespür für Frauen und umgibt sie gern mit geheimnisvoller Aura. Er weiß um ihre Neigung zu irrationalen Entscheidungen und kann Kristina Söderbaum als 17jähriges Mädchen ebenso in Szene setzen wie als aufopfernde Witwe. Stets ist sie das schöne, edle, unergründliche Weib, und ihre Unbeholfenheit beglaubigt gewissermaßen ihre Reinheit.

Resümee

Insgesamt hat sich Harlan zwar einiger modernisierender Mittel bedient - die erwähnte Psychologisierung, die Modernitätsmotive Fabrik und Flugzeug, das Konzert in den Thermen als touristisch-mediales Ereignis, und nicht am unwichtigsten der damals avantgardistische Farbfilm, mit dem er lichte Naturstimmungen zaubert (z.B. die Bootspartie der Liebenden) -, aber inhaltlich bestimmend blieben Konflikte und Konstellationen der Vergangenheit. Damit befindet er sich in Übereinstimmung mit seiner Zeit, denn von den Nazis kann man allgemein sagen, daß sie mit modernen Mitteln Inhalte/Ziele der Vergangenheit restaurieren wollten. Für die Nachfahren ist jedoch wichtig, daß hier Gefühlskino gemacht wurde, und man geht sicher nicht fehl, wenn man Faßbinder mit seinen Melodramen an diese Tradition anknüpfen sieht.

Theodor Storm: Immensee. In: Novellen I. 1981

Friedemann Beyer: Die UFA-Stars im Dritten Reich. 1991

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