Opfergang - Melodram für den UntergangDeutschland 1943, Regie: Veit Harlan12.08.2009 Gerhard Bachleitner
Veit Harlans Literaturverfilmung ist aufwendig inszeniert, wird aber der Novelle von Binding nicht ganz gerecht.
Bindings Novelle von 1911 hat Harlan pompös, aber auch unzulänglich ins Bild gesetzt. Aus dem zwar nicht originellen, aber in elegant-herber Prosa dahinfließenden Stück Literatur wurde ein schwülstiges Melodram mit antiquierten Moralkonflikten. Harlans Fähigkeiten sind durchaus erkennbar, erheben sich über den Durchschnitt seiner Kollegen, sind aber an ein ungeeignetes Sujet geraten. Differenzen zwischen Novelle und FilmDie von Binding vorgegebene Schlußfolgerung, der Opfergang der Gattin gegenüber der Geliebten des Mannes, also der Rivalin, und der Tod des Mannes, wird von Goebbels abgelehnt und zugunsten des Erhalts der Ehe und des tödlichen Endes für die Geliebte verzerrt. Ein weiterer schwerwiegender Mißgriff ist die Besetzung der Meernixe Åls mit Harlans Ehefrau Kristina Söderbaum. Die Schauspielerin ist ein Muster an Biederkeit und Harmlosigkeit, strahlt keine erotische Spannung aus, wirkt aber auch mit der behaupteten letalen Krankheit völlig unglaubwürdig - ungeeignet für Vitalität ebenso wie für Morbidität. So geraten die Proben für beides peinlich: die Schwimmszene, mit der sich Åls bekannt macht, S.107, das gleichsam animalische Einverständnis im Gespräch mit dem Pferd, die Hingabe an die Natur in der Szene im Heu, das Bogenschießen an Land in exponierend roter Robe und das schlecht verhohlen laszive Bogenschießen in der Brandung vom Schimmel aus im weißen Badeanzug. Allenfalls akzeptabel wäre der Auftritt als Herrenreiterin, S.111. Aufgesetzt erscheint ferner die Lustigkeit beim hinzuerfundenen rheinischen Karnevalstreiben; das Versteckspiel der Masken bleibt geheimnislos. Harlan widmet sich mehr der ebenso spektakulären wie kindischen Rutschbahn. Zur Objektivierung von Vitalitätswillen und Krankheit führt Harlan einen Sanitätsrat als Åls' Arzt ein, der jedoch beides nicht glaubhafter macht. Eine Einbuße ist durchaus auch die politisch motivierte Aufnordung der Hauptfigur. Aus der schon in ihrem Namen Joie Lebensfreude ausstrahlenden Picardin bei Binding wird die dänische Åls, weil eine Französin wegen des Krieges natürlich nicht tragbar war. Die bei Binding trotz der durchgreifenden Stilisierung erkennbare Psychologie der erotischen Bindung nimmt Harlan nicht ernst genug, opfert sie einer nur allzu konventionellen Schematisierung von Verführung und Verzicht. Wie subtil ist in der Novelle Octavias Einverständnis mit Albrechts Liebschaft, da sie ihm Kraft verleihe, gezeichnet, S.118. Der Haltungsunterschied beider Frauen äußert sich nicht nur in Octavias Nachgehen und unbegriffenem Neid auf die Rivalin, S.121, sondern im Verhältnis zur Kreatur. Joies Futter nehmen die Möwen entgegen, Octavias nicht, S.123. Harlan läßt diese Szene ebenso weg wie er die wichtige Schoßmetapher herunterspielt, die doch so gut in das nationalsozialistische Frauenbild gepaßt hätte (freilich nicht für eine 'moralisch minderwertige' Geliebte): Wie sie nun so vor ihm saß...mit dem braunen vielköpfigen Leben in ihrem schwarzen Schoß das sich leise hob und senkte, da sah sie wie die leibhaftige Fruchtbarkeit aus, strotzend von Kraft und Farbigkeit. S.124 Großbürgertum und StilisierungEinen Gewinn hat der Film lediglich in der Figur von Albrechts Bruder Mathias zu verzeichnen, den Franz Schafheitlin mit einer hocheleganten Version bürgerlicher Korrektheit spielt. Carl Raddatz erreicht als Albrecht nicht diese Prägnanz, fällt aber auch nicht allzu sehr ab. Das großbürgerliche Ambiente der Exposition gelingt Harlan recht gut. Hier prunkt er mit Ausstattung und einer harmonisch-effektvollen Farbgebung; Octavias weißes Schlafzimmer, am Flügel wird Schubert gespielt, sonntags Nietzsches Dionysosdithyramben rezitiert. Wenn diese Ausstellung bildungsbürgerlicher Geschlossenheit ironisch-kritisch gemeint war, bringt sie Harlans Qualitäten gleichwohl am besten zur Geltung. Daß Albrecht hier das Fenster öffnet, um dem vermeintlichen Muff das Sonnenlicht über der Elbe entgegenzusetzen, entspricht zwar dem nationalsozialistischen Vitalitätsprogramm, führt aber Inszenierung und Handlung nachfolgend auch ins Bemüht-Konventionelle. Im Finale holt Harlan zu massiver Stilisierung aus. Der fieberkranke Albrecht sieht Doppelbilder, Åls reduziert sich im Tode auf eine rote Rose, die von Octavia ins Meer geworfen wird, während das neu vereinigte Ehepaar am Strand entlangreitet, die Gattin also die Vitalitätsfunktion der Geliebten übernommen hat. Aus dem Opfergang Octavias bei Binding ist bei Harlan Åls' Opfergang geworden. Der im Film aber übernommene originale Opfergang verliert damit seine Bedeutung, Octavias Vertretung für den erkrankten Albrecht, der vordem durch sein Erscheinen vor Joies Fenster zu deren Gesundung beigetragen hat. Bei Binding irritiert außerdem die Nebenhandlung um das von der Cholera bedrohte Kind weniger als bei Harlan (wo es sich im übrigen, entgegen Friedemann Beyers Behauptung um Typhus handelt). Es überträgt die Krankheit und signalisiert das von der Zukunft drohende Verderben. Bei Harlan assoziiert man eher einen moralisch fragwürdigen Lebenswandel von Åls. Daß es sich um das leibliche Kind handelt, ist bei Binding nicht verifizierbar. Harlans nebulöser Tragismus hat auf Goebbels tiefen Eindruck gemacht, so daß er den Film erst Ende 1944 freigab. Da war die Lust am Untergang dann offenbar genügend verinnerlicht, so daß sie äußerbar war. Rudolf Binding: Der Opfergang. In: Gesammeltes Werk I. Hamburg 1954 Friedemann Beyer: Die UFA-Stars im Dritten Reich. Heyne 1991
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