Porträt von Jessica Tandy

Vor 100 Jahren wurde die Schauspielerin in London geboren

06.06.2009 Rainer Nolden

Für Jessica Tandy kam der Ruhm erst spät. Nachdem sie jahrelang in längst vergessenen Filmen und Dramen mitgewirkt hatte, brachte "Endstation Sehnsucht" den Durchbruch.

"Ich brauchte sie nur wenige Minuten auf der Bühne zu sehen, da stand für mich bereits fest: Das wird meine Blanche." Für den amerikanischen Dramatiker Tennessee Williams (1911-1983) war die Begegnung ebenso ein Glücksfall wie für Jessica Tandy. Die Schauspielerin, die am 7. Juni 1909 in London geboren wurde und 1927 in der britischen Hauptstadt ihr Bühnendebüt gegeben hatte, lebte seit 1940 in den USA. Dorthin war sie gezogen, nachdem ihre Ehe mit dem Schauspieler Jack Hawkins gescheitert war. Dem Umzug folgte eine künstlerische Durststrecke, die rund zwei Jahrzehnte währte, während derer sie ihr Talent auf beiden Seiten des Atlantiks in eher zweitklassigen Theaterstücken und drittklassigen Filmen verschwendete.

Durchbruch mit "Endstation Sehnsucht"

Und dann sah sie Tennessee Williams, der mit der "Glasmenagerie" einen sensationellen Erfolg gelandet hatte und auf der Suche nach der Idealbesetzung für die weibliche Hauptrolle in seinem nächsten Stück war. "Endstation Sehnsucht" wurde Jessica Tandys Schicksalsdrama. Die Rolle der Blanche DuBois schien wie für sie geschaffen: Sie verlangte eine Schauspielerin, die fragil und ätherisch wirkte, vergeistigt und verwirrt und von seltsam altmodischer Vornehmheit. All das verkörperte die Britin - und war damit exakt das Gegenteil von ihrem Gegenspieler Marlon Brando, der den brutalen Macho Stanley Kowalski darstellte (und mit dieser Rolle ebenfalls seine Karriere begründete).

Am Tag nach der Broadway-Premiere von "A Streetcar named Desire" am 4. Dezember 1947 überschlugen sich die Kritiker der wichtigen Zeitungen des Landes. Ab sofort gehörte Jessica Tandy zur ersten Riege der Schauspielerinnen (wovon sich die Hollywood-Produzenten übrigens nicht beeindrucken ließen: in der Filmversion von 1951 entschieden sie sich für Vivien Leigh als Blanche). Für ihre sensible Darstellung erhielt Tandy die höchste Theaterauszeichnung, den "Tony", den sie später noch zweimal bekam - wenn auch nie mehr eine Bühnenrolle von der Intensität dieser am Rande des Wahnsinns balancierenden Südstaaten-Schönheit.

Die älteste "Oscar"-Gewinnerin aller Zeiten

Erst 43 Jahre konnte sie einen gleichermaßen triumphalen Erfolg verbuchen. Wieder spielte sie eine Südstaaten-Lady, aber diesmal eine energische, selbstbewusste, streitsüchtige (wenn auch in Demenz endende) Witwe, weit entfernt von der labilen Figur, die ihren Ruhm begründet hatte. "Miss Daisys Chauffeur" ("Driving Miss Daisy") war 1989 für die mittlerweile 80-Jährige die erste Hauptrolle auf der Leinwand, die auch sogleich mit einem "Oscar" belohnt wurde (von insgesamt vier für den Film). Womit sie übrigens einen Rekord der besonderen Art aufstellte - als älteste Oscar-Gewinnerin in der Geschichte der "Academy Awards".

Es folgten vier weitere Filme, darunter "Grüne Tomaten" (1991) - für die Darstellung der Ninny Threadgoode erhielt sie eine weitere Oscar-Nominierung -, "Die Herbstzeitlosen" (1992) und - an der Seite von Paul Newman - "Nobody's Fool - Auf Dauer unwiderstehlich". Kurz nach Ende der Dreharbeiten, am 11. September 1994, ist Jessica Tandy gestorben. Der Regisseur Robert Benton hat seinen Streifen ihrem Andenken gewidmet.

Die Erinnerung an ihre großartige Bühnenpräsenz, die intensive Ausstrahlung, die all ihren Theaterfiguren zu eigen war, sind verblasst. Wenigstens in einer Handvoll Filmen bleibt Jessica Tandy der Nachwelt erhalten.

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